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Toxische Maskulinität: Was Männer alles (nicht) tun, um nicht schwul zu wirken

„Toxische Maskulinität Was Männer alles (nicht) tun, um nicht schwul zu wirken“

„Oh mein Gott, ist das ein Song von Katy Perry? Hahaha, ich glaube, du bist ein kleiner Schwuli!“, mit diesen Worten riss einer meiner Klassenkameraden einem anderen das Handy aus der Hand, drehte die Lautstärke bis aufs Maximum hoch und hielt es dann in die Luft, sodass der ganze Bus Katys Geträller mithören konnte. „Was ist das für ‘ne Schwuchtel-Musik?!“, ein Großteil der anderen Jungs stieg in das hämische Gelächter ein. Und ich? Ich versank peinlich berührt in die Tiefen meines Sitzes, beendete schnurstracks den Jeanette Biedermann Song, den ich gerade hörte, und suchte nach einer anderen Band, die meine Klassenkameraden im Falle des Falls HOFFENTLICH als cool bewerten. Oder zumindest eine, die mir nicht meine Männlichkeit streitig machen oder mich mit dem Urteil „schwul“ bestrafen würde.

Ich sag’s, wie es ist: Dieser Moment von unserer Klassenfahrt in der Oberstufe hat sich hardcore in mein Gedächtnis gebrannt!

Mit meinem jetzigen Selbstbewusstsein und meiner Einstellung zu dem Thema würde ich, könnte ich kurz einen Zeitsprung in die Vergangenheit machen, ganz anders reagieren: „Jo, was hat sein Musikgeschmack mit seiner sexuellen Orientierung zu tun? Und selbst wenn er schwul wäre, wo ist das Problem? Und jetzt gib ihm sein Handy zurück, du Idiot!“ So würde ich mir zumindest mein neues cooles 17-jähriges Ich vorstellen.

Wenn ich heute in meinen Videos darüber spreche, versuche ich außerdem, den beiden oberen Fragen eine weitere hinzuzufügen, nämlich:

„Wie viel Lebensqualität geht verloren, wenn ich ständig bemüht bin, meine (vermeintliche) Männlichkeit zu beschützen?“

Ich demonstriere das dann gern am bereits geschilderten Beispiel:
Wie nervig ist es, dass ich extra Musik auf mein Handy lade, die die anderen Jungs akzeptieren, statt das zu hören, was ich wirklich mag?

Wenn wir tiefer in Klischees greifen wollen, könnte man sich auch vorstellen, immer Bier statt Sekt zu trinken, weil das „männlicher“ ist. Aber dann überleg mal, auf wie vielen Partys Du leckeren Schampus hättest trinken können, wenn es Dir egal wäre, wie Dein Umfeld das bewertet. Das ist tatsächlich eine wahre Geschichte, denn als ich mit meiner gemischten Freundesgruppe zur Ladies’ Night im Kino war, sagte die Mitarbeiterin am Einlass, dass mein Freund und ich die einzigen zwei Typen waren, die den Freisekt, den es zum Film dazu gab, angenommen hatten. Die wenigen anderen Männer, immer in Begleitung ihrer Freundin, lehnten ab. Natürlich KÖNNTE das auch daran liegen, dass ihnen Sekt einfach nicht schmeckt, aber das ist nur eines von vielen Beispielen, die ich über die Jahre beobachtet habe oder erzählt bekam. Auf meinem Kanal bespreche ich Antworten, die an einen Tweet gesendet wurden mit der Frage „An alle heterosexuellen Männer: Was ist die seltsamste Sache, bei der euch gesagt wurde, ihr sollt sie nicht machen, weil sie schwul ist?“

Die Kommentare waren teilweise echt crazy. Man muss natürlich berücksichtigen, dass es sich dabei lediglich um persönliche Geschichten handelt und nicht um eine repräsentative Studie, aber ich finde trotzdem, dass man einen interessanten Eindruck bekommt.

„Gestern hat mich ein Typ ‚Pussy‘ genannt, weil ich Sonnencreme aufgetragen habe!“

„Mein Dad sagte mir als Kind immer, ich solle beim Sitzen nicht die Beine überschlagen.“

„Ich kannte mal einen Typen, der keine ernsthaften Gespräche führen wollte, weil Gefühle jeglicher Art schwul seien!“

Und von diesen Aussagen gibt es noch unzählige mehr: Echte Männer dürfen kein Make-Up tragen, keine Kleider, sollen nicht weinen und stehen auf Frauen… bla, bla, bla.

Warum wird Schwul-Sein als Schwäche wahrgenommen? Youtuber Kostas Kind teilt auf Gillette seine Erfahrungen. | Gillette DE

Wenn ich das höre, kann ich nicht anders, als mich zu fragen, warum all das in Kauf genommen wird, nur um sicherzustellen, dass man ja nicht als „schwul“ betitelt wird.

Warum bedeutet schwul sein gleich weniger männlich sein? Was steht auf der anderen Seite der Männlichkeit? Weiblichkeit als etwas Schlechtes?! Diese Abwertung ist ein großes Problem!

Außerdem lässt mich das an der Power und Standhaftigkeit der ach so wertvollen Männlichkeit zweifeln: Ist sie wirklich so fragil, dass sie zerbricht, wenn ich meine Beine überschlage oder einen Cocktail trinke? Sie fortwährend zu schützen und von der Bewertung anderer abhängig zu machen, wirkt doch viel unsicherer, als selbstbewusst zu sagen: Ich kann mich anziehen, wie ich will, die Musik hören, die mir gefällt, und vielleicht nehme ich sogar mal meinen besten Freund in den Arm. Ich möchte an der Stelle aber nochmal sagen, dass ich, obwohl sich dieser Text womöglich so liest, diese Unsicherheit nicht verurteile. Ich hab sie ja selbst erlebt. Ich kenne den Druck, den gesellschaftliche Geschlechterrollen auf uns ausüben. Ich kannte die Angst, schwul genannt zu werden, weil auch ich in einem Umfeld aufgewachsen bin, in dem das in der Schule als Schimpfwort benutzt wurde. Aber genau deswegen ist es SO wichtig, über diese Themen zu sprechen und sie zu hinterfragen!

Tatsächlich verdanke ich vor allem meiner Homosexualität, dass meine ‚Männlichkeit‘ heute so unantastbar ist. In meiner Schulstory war ich noch bemüht, das Bild des heterosexuellen Jungen aufrechtzuerhalten. Nach meinem Outing wurde mir das dann alles ziemlich egal. Zum einen, weil ich endlich Sicherheit in meiner Sexualität gefunden hatte und „du bist schwul“ mich nicht länger irritierte. Und zum andern, weil ich natürlich weiß, dass all diese Dinge keinen Einfluss darauf haben, dass ich ein Mann bin.

Warum bedeutet schwul sein gleich weniger männlich sein? Youtuber Kostas Kind teilt auf Gillette seine Erfahrungen. | Gillette DE

Und à propos ein Mann sein: Dieser Text beleuchtet ja überwiegend die Nachteile und den Druck, den toxische Männlichkeit mit sich bringt. Natürlich weiß ich, dass in unserer Gesellschaft viele Männer – ich mit Sicherheit auch – davon profitieren, dass sie Männer sind. Aber diese ungerechtfertigten Vorteile möchte ich ebenso ankreiden!!!

Wenn die einzige Antwort auf die Frage „Warum darf ich etwas tun oder nicht tun?“ eine Sache ist, auf die man keinen Einfluss hat, ist sie meiner Meinung nach unzulänglich. Nur weil ich ein Mann bin, habe ich weder mehr noch weniger Anspruch oder Recht, Dinge zu tun. Das ist die faire Wahrheit.

Daraus ergibt sich dann, dass die Betrachtungsweise, Männlichkeit sei etwas Supertolles, ein bisschen komisch ist. Eigentlich ist sie eher unwichtig. Alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen stehen auf einer Stufe. That’s it!



Kostas Kind

Kostas Kind

Autor und Experte

Hey hey :) Ich heiße Kostas, bin 29, hauptberuflich YouTuber und lebe zusammen mit meinem Freund und meiner weißen Schäferhündin Ivy, die ich über alles liebe, in Potsdam. Auf meinem Kanal „Kostas Kind“, der zu den größten deutschen LGBTQ+ Kanälen zählt, nehme ich meine Zuschauer:innen mit auf eine Reise durch den schwulen Alltag, setze mich mit herausfordernden Themen wie Mental Health oder Veganismus auseinander und versuche, solche Themen auf unterhaltsame Art zu präsentieren, um sie leichter zugänglich zu machen und sie von Vorurteilen oder Scham zu befreien.