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Philippe: „Mein Prostatakrebs war auch eine narzisstische Verletzung“

Interview: Prostatakrebs | Erfahrungsbericht | Gillette DE

Laut der Movember Stiftung werden in Deutschland werden jedes Jahr 67 959 Fälle von Prostatakrebs und 4 503 Fälle von Hodenkrebs diagnostiziert. Die Umfrage deutet auch darauf hin, dass es für Männer schwierig ist, ihre gesundheitlichen Probleme in ihrem Umfeld anzusprechen. „Bei körperlichen Beschwerden“ gaben 72 % der Befragten an, dass sie nur mit einem Familienmitglied und am häufigsten mit ihrem (Ehe-)Partner darüber sprechen würden. Angesichts dieser Zahlen ist es wichtig, das Bewusstsein zu schärfen und eine klare Aussage zu machen.

Aus diesem Grund sammeln wir von Gillette und King C. Gillette in Zusammenarbeit mit Movember jedes Jahr im November Spenden, die Projekten für die physische und mentale Männergesundheit zugute kommen. Außerdem geht es darum, die breite Öffentlichkeit für Männerkrankheiten zu sensibilisieren. Denn je früher beispielsweise Prostatakrebs erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Daher ist es so wichtig, auf seinen Körper zu hören und sich untersuchen zu lassen, wie Philippe berichtet. Der heute 60-Jährige erfuhr vor fünf Jahren, dass er an lokal fortgeschrittenem Prostatakrebs leidet. Er erzählt uns von seinen Erfahrungen.

Wie haben Sie erfahren, dass Sie an Prostatakrebs leiden?

Es gab mehrere Symptome, die mich hätten aufhorchen lassen können. Ich hatte zum Beispiel sehr häufig Harndrang und mein Harnstrahl war sehr schwach. Auch Schmerzen bei der Ejakulation traten immer wieder auf. Ich dachte, es sei Müdigkeit oder eine Blasenentzündung. Außerdem hatte ich einige Wochen zuvor eine Art kugelförmiges Gewächs im Intimbereich bekommen und dachte, dass es vielleicht damit zusammenhängt, aber irgendwann von alleine vorbeigeht.

Wie lange haben Sie gewartet, bevor Sie einen Arzt aufgesucht haben?

Fast ein halbes Jahr. Ich hatte enorm viele Ausreden, um meine Schmerzen zu erklären. Wahrscheinlich hatte ich Angst davor, die Wahrheit zu erfahren, und ich wollte mich vor meinen Angehörigen nicht verletzlich zeigen. Als ich mich schließlich entschied, einen Arzt aufzusuchen, nachdem ich Blut in meinem Urin gefunden hatte, sagte ich es nicht einmal meiner Frau. Der Gedanke, dass sie wissen würde, dass ich meinen Penis zeigen oder mich einer rektalen Untersuchung unterziehen würde, war mir unangenehm. Ich zog es vor, mit meinen Ängsten allein zu sein.

Hatten Sie daran gedacht, dass es sich um Prostatakrebs handeln könnte?

Das war mir in den Sinn gekommen. Aber zwei Drittel der Fälle treten erst nach dem 60. Lebensjahr auf. Ich war damals 55 Jahre alt und dachte, ich sei zu jung, um an dieser Art von Krankheit zu leiden. Mein Arzt hatte mich nie auf das Thema aufmerksam gemacht oder mich dazu angehalten, regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen. Auch in meinem Freundeskreis war es kein Thema, über das man sprach.

Die Diagnose wurde nach einer rektalen Untersuchung zur Überprüfung der Größe meiner Prostata, einer Blutuntersuchung auf das prostataspezifische Antigen (PSA) – die Substanz, die die Prostata produziert – und einer anschließenden Prostatabiopsie gestellt.

Wie haben Sie reagiert?

Die Welt brach zusammen, ich dachte, dass ich sterben würde, zumal es sich um fortgeschrittenen Krebs handelte. Meine ersten Gedanken waren bei meinen Kindern und meiner Frau. Erlebte ich gerade meine letzten Momente in ihrer Nähe? Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich es schaffen würde? Würde meine Frau mich verlassen? Eine Vielzahl von Fragen schoss mir in Sekundenschnelle durch den Kopf.

Haben Sie sofort mit Ihrem Umfeld gesprochen?

Ich habe es meiner Frau erst am nächsten Tag erzählt. Es fiel mir enorm schwer, mit ihr zu sprechen. Zu der Angst, der Furcht und dem Schmerz kam noch ein enormer Verlust an Selbstvertrauen hinzu. Ich war wie ein Gefangener in der Rolle als Ehemann und Mann, die ich mir selbst aufgebaut hatte. Ich wollte mich nicht verletzlich zeigen und ihr schon gar nicht sagen, dass ich an einer Krankheit litt, die meine Intimsphäre berührte.

Waren Sie von den Reaktionen Ihrer Angehörigen enttäuscht oder im Gegenteil angenehm überrascht?

Meine Frau und meine Kinder waren eine unerschütterliche Stütze. Die Krankheit hat uns zusammengeschweißt, heute sind wir uns näher als je zuvor.

Unter meinen Freunden sind die Dinge anders. Die Liebesbeweise und die Unterstützung kamen nicht immer von den Leuten, die ich erwartet hatte. Einige waren verlegen, hatten Angst, nicht zu wissen, was sie sagen sollten, oder sich ungeschickt zu verhalten, und zogen sich lieber zurück. Ich habe nach meiner Operation Entschuldigungsnachrichten erhalten, vor allem von meinem besten Freund, dem es Leid tat, dass er es nicht geschafft hatte, über seine Scham hinwegzukommen.

Wenn man erfährt, dass man Krebs hat, gibt es auch Menschen, die sich in die Rolle eines Lebenscoachs versetzen und sofort eine kämpferische Sprache annehmen. „Das lässt sich heute gut behandeln!“, „Du musst kämpfen, Du musst mutig sein!“. Ich finde, wir sollten mit diesen Aufforderungen, stark zu sein, aufhören. Es war eine doppelte Belastung für mich, da ich bereits Schwierigkeiten hatte, meine Gefühle zu verbalisieren und auszudrücken. Ich brauchte jemanden, der mein Leid anerkennt und zugibt, dass nicht unbedingt alles in Ordnung ist.

Sie haben sich für die Operation entschieden, um das Risiko eines Rückfalls zu verringern. Was waren Ihre größten Ängste?

Da mein Krebs schon ziemlich weit fortgeschritten war, war die Prostatektomie die wichtigste Option, die ich hatte, um mich zu retten und das Risiko eines Rückfalls zu verringern. Durch die Entfernung der Prostata und der möglicherweise befallenen Lymphknoten ging ich jedoch auch das Risiko ein, für den Rest meines Lebens impotent oder inkontinent zu sein.

Ich wusste, dass die große Mehrheit der Patienten nach fünf Jahren noch am Leben war, und war in dieser Hinsicht von den Ärzten ziemlich beruhigt. Ich hatte jedoch Angst vor dem Gedanken, mit einer Windel zu leben oder dass meine Frau mich verlassen würde, um mit einem anderen Mann wieder sexuellen Spaß zu haben. Es war auch eine narzisstische Verletzung für mich, da meine Sexualorgane und damit meine Männlichkeit angetastet wurden.

Die Operation ist heute fünf Jahre her. Wie geht es Ihnen?

Ich befinde mich in vollständiger Remission. Ich hatte auch großes Glück, weil ich meine „Fähigkeiten“ behalten habe. Alles funktioniert, außer dass ich keine Spermien mehr absondern kann. Meine Erektionen sind nicht mehr so wie früher, aber es funktioniert trotzdem. Auch auf dieser Ebene haben wir uns, meine Frau und ich, wieder angenähert. Der Dialog und das Zuhören waren ausschlaggebend, um wieder sexuell aktiv zu werden. Mit fast 60 Jahren haben wir uns gegenseitig wiederentdeckt.

Warum möchten Sie über Ihre Erfahrungen berichten?

Ich möchte zeigen, dass es ein Leben nach der Diagnose gibt und dass dieses Leben sehr schön sein kann. Ich bin kein Einzelfall, dennoch ist es eine Geschichte, die man in unserer Gesellschaft noch sehr selten hört. Wir müssen den Schleier über dieser Krankheit lüften und die Kommunikation lostreten. Die Scham und der Mythos der Männlichkeit, in dem viele Männer gefangen sind, sind meiner Meinung nach eines der Hindernisse für die Krebsfrüherkennung.

 

*Die Personen auf dem Bild stellen aus Gründen der Vertraulichkeit nicht den Interviewten (Philippe) oder die Bloggerin (Camille) dar, sondern sind Placeholder.



Camille Moreau

Camille Moreau

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